Ja, ein Empty Nest fühlt sich wirklich leer an
Von Sabine Hoch
Es ist niemand da, wenn ich nach Hause komme, die Kinderzimmer sind leer, es ist zu leise, für Zwei zu kochen fühlt sich komisch an. - Erst als es dann auch bei mir so weit war und die Kinder auszogen, kam der Begriff „Empty Nest" in mein Leben und beschrieb eigentlich ganz gut die Leere und Verlorenheit, die ich empfand. Dass Kinder selbstständig werden und ausziehen ist erwartbar und ja auch gewollt. Doch warum fühlt sich dieser vorhersehbare Prozess für (mehrheitlich) Mütter so fürchterlich an?
Was ist das Empty-Nest-Syndrom?
Der Ausdruck „leeres Nest" stammt aus der Tierwelt: Wenn die Jungvögel flügge werden, bleibt das Nest zurück. Es beschreibt die emotionale Reaktion, die meist aus Trauer, Leere und Sinnverlust besteht, wenn Kinder das Elternhaus verlassen und Eltern damit ihre zentrale Betreuungsrolle verlieren.
Wenn ich darüber gesprochen habe, kam ich mir oft übersensibel, dramatisierend und auch schwach vor. Dabei ist das Empty-Nest-Syndrom ein oft unterschätzter psychologischer Übergang, der viele Eltern betrifft. Es ist dabei jedoch kein Krankheitsbild, sondern eine emotionale Anpassungsphase an eine neue Lebensrolle.
Was sind die psychologischen Hintergründe?
Die Kinder loszulassen bringt für viele Eltern eine Reihe von emotionalen Herausforderungen. Dazu zählt der Verlust einer klaren Lebensaufgabe, eine Veränderung der Identität als Mutter und Vater, natürlich eine Konfrontation mit Alter, Zeit und Vergänglichkeit und oft auch Einsamkeit oder Stille zuhause, wo früher Leben war. Ich vermisse jetzt z.B. die Schritte der Kinder im Gang, ihnen den Gute-Nacht-Kuss zu geben und sogar das Chaos in der Küche.
Das Nervensystem reagiert darauf wie auf einen kleinen „Trauerprozess", denn ein langjähriger, vertrauter und auch lieb gewonnener Lebensabschnitt endet. Ich beschreibe es gerne so: Meine Lieblingsmenschen sind nicht mehr da und damit auch nicht ihre Energie, ihre Inspiration und ihre Zuneigung.
Deshalb sind auch typische und absolut legitime Gefühle damit verbunden: Traurigkeit, Wehmut, Einsamkeit, und Sinnverlust. Körperliche Symptome können Schlafprobleme sein, Müdigkeit, Appetitverlust und Unruhe. Menschen, deren Selbstwert stark an die Elternrolle gebunden war, können auch eine reaktive Depression entwickeln.
Auch die Partnerschaft ändert sich: Das Paar ist auf sich selbst zurückgeworfen, bei den Mahlzeiten ist man meistens zu zweit und es gibt seltener Ablenkung durch die Kinder. Jetzt stellt sich die herausfordernde Frage: Was verbindet uns noch, außer die Kinder?
Was kann helfen?
Das Empty Nest ist nicht nur ein Verlust, sondern auch eine Chance zur Neuorientierung. Es gibt mehr Zeit zur Selbstfürsorge und -verwirklichung, man kann eigene Interessen und Hobbies wieder mehr Aufmerksamkeit schenken und neue berufliche Projekte oder Ehrenämter in Angriff nehmen. Außerdem hat man mehr Zeit für Freunde, Partner und Reisen.
Das Empty-Nest-Syndrom ist das Ende einer Lebensphase und der Beginn einer neuen, es ist eine Phase der Transformation von der Elternrolle in eine neue Identität als Frau, Mann und Paar. Die emotionalen Auswirkungen sind nicht zu unterschätzen und ernst zu nehmen und sich schon im Vorfeld Pläne für die Zeit nach dem Auszug des letzten Kindes zu machen, kann sicher helfen, die Übergangsphase besser zu überstehen. Ich persönlich habe Reisen unternommen, die ich mir schon lange vorgenommen hatte, habe neue Projekte gestartet, ich mache mehr Sport und gehe öfter Spazieren. Und immer öfter genieße ich jetzt auch die Ruhe zuhause und die Zeit für mich.
Literatur:
Lucinde Hutzenlaub , Heike Abidi Ich dachte, sie ziehen nie aus: Ein Überlebenstraining für alle Eltern, deren Kinder flügge werden