Eine Buchbesprechung des Romans von Gillian Anderson über Macht, Verlangen und Selbstbestimmung.

Sex mit Fremden, Sex mit Gruppen, Sex mit sich selbst. Davon und von vielem mehr träumen Frauen in Gillian Andersons Buch Want.
Angenommen, eine gute Fee, ein Zauberer oder Gott würde einem eine Superkraft anbieten. Fliegen, hellsehen, unsichtbar machen, egal welche. Was antwortet man dann? Es wäre schön blöd, mit den Worten "Nett von Ihnen, aber nein, danke" abzulehnen. Man sollte die Superkraft wenigstens mal ausprobieren. Wenn sie einem dann wirklich nicht passt, akzeptiert Gott vielleicht Retouren.
Nun ist die Schauspielerin Gillian Anderson, soweit bekannt ist, keine Fee, kein Zauberer und wahrscheinlich auch nicht Gott. Ihr Buch Want aber hat ein bisschen was von einer Superkraft, nämlich der des Gedankenlesens. Es wäre also schön blöd, nicht mal reinzulesen. Oder haben Sie sich noch nie gefragt, wovon Frauen so träumen, wenn sie ihren sexuellen Fantasien nachhängen?
Gillian Anderson, die zuletzt in ihrer Rolle der Sexualtherapeutin Jean Milburn in der Netflix-Serie Sex Education sehr beliebt war, schon. Deswegen hat sie einfach mal nachgefragt. Und hunderte Frauen aus aller Welt haben anonym geantwortet. Auf rund 380 Seiten sind 175 ausgewählte Briefe zu lesen, die tiefe Einblicke in die weibliche Fantasie geben. Es geht um Unterwerfung, Ermächtigung, Erniedrigung, Gruppensex, Sex mit Fremden, Sex mit Frauen, Sex mit Gegenständen, Sex mit sich selbst. So wünscht sich eine Frau, mit ihrem Klon schlafen zu können. Eine andere sehnt sich nach einem Penis. Und eine Australierin würde am liebsten harten Sex mit dem Bruder ihrer besten Freundin haben.
Dreizehn Kapitel teilen die Briefe in Kategorien wie „fremde", „sicher und geborgen" oder „erkundungen" ein. Jedes Kapitel wird mit einem Text von Anderson eingeleitet, in dem sie ihre Reaktion auf die Fantasien reflektiert und erläutert, was sie ihr über Frauen und die Welt erzählen.
Man mag die Briefe verstörend, verrückt, eintönig oder schlecht geschrieben finden. Andere findet man vielleicht erregend, tröstend oder witzig. In jedem Fall sind sie echt, vielfältig und inspirierend, denn sie zeigen uns, dass man gar keine Superkraft braucht, um die Gedanken anderer zu erfahren. Man kann es auch erstmal mit Nachfragen versuchen.
Gillian Anderson: Want. München: dtv, Hardcover, 25 €.